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Seelsorger der „menschlichen Überbleibsel Europas“

Nobelpreis 1958

Der Dominikanerpater Georges Pire wurde vor 100 Jahren geboren

Als erster katholischer Geistlicher erhielt der belgische Dominikaner Georges Pire den Friedensnobelpreis am 10. Dezember 1958.(FOTO: DOMINICAINS.BE)

VON KLAUS NELISSEN (KNA)

„Vater der Flüchtlinge“ wurde er genannt, den Friedensnobelpreis erhielt er 1958. Inzwischen erinnern sich allerdings nicht mehr viele an den Dominikanerpater Dominique Georges Pire. Dabei zählte der am 10. Februar vor 100 Jahren geborene Belgier zu den visionären Gestalten seiner Zeit. Sie sahen im Nachkriegseuropa die Chance für eine neue Völkergemeinschaft.


Am Anfang stand eine nüchterne Aktennotiz: „Der Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte unterrichtet das Kabinett, dass er in seiner Eigenschaft als Ehrenmitglied der ,Hilfe für heimatlose Ausländer e.V.‘ durch den Präsidenten der Beratenden Versammlung des Europarats, Delhousse, gebeten worden sei, den belgischen Pater Dr. D. Pire, der sich durch den Bau von Dörfern für heimatlose Ausländer große Verdienste erworben habe, für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen.“ In den Kabinettsakten der Bundesregierung vom 1. März 1957 heißt es weiter: „Das Kabinett erhebt keinen Widerspruch.“

 


Der damalige Vertriebenenminister Theodor Oberländer kam für 1957 zu spät – ein Jahr später hatte der deutsche Vorschlag Erfolg. Am 10. Dezember 1958 erhielt der Dominikanerpater aus Belgien im Rathaus von Oslo als erster katholischer Geistlicher den Friedensnobelpreis. Dem Dominikanerpater ging es darum, ein „Europa des Herzens“ zu schaffen. In den Jahren während und nach dem Zweiten Weltkrieg gründete der hochgewachsene, hagere Mann eine Fülle von Hilfsinitiativen für Flüchtlinge. Pire nannte die Vertriebenen, die Heimatlosen, die „menschlichen Überbleibsel Europas“. Er wollte ein Europa ohne Grenzen zwischen den Menschen.

 

Ethiklehrer

mit Verantwortungsgefühl


Der Dominikanerpater war im Hauptberuf Ethiklehrer an der Schule seines Heimatklosters. Im Alter von 18 Jahren trat der aus dem belgischen Dinant stammende Pire in das Dominikanerkloster La Sarte in der Nähe von Huy ein. Dort lehrte er nach seiner Promotion in Rom ab 1937 zehn Jahre lang Moralphilosophie. Der Zweite Weltkrieg verhinderte, dass Pire über das Gute nur theoretisch dozierte. Bereits 1938 gründete er zwei Hilfsorganisationen für Waisenkinder. In Huy wurden nach Kriegsausbruch auf Pires Initiative hin Kinder aus bombengefährdeten Gebieten Belgiens und Frankreichs aufgenommen. Dazu engagierte sich der Geistliche im Widerstand, schmuggelte unter anderem alliierte Piloten aus dem Land.

Nach Kriegsende gründete Pire 1950 die „Aide aux Personnes Deplacées“ („Hilfe für heimatlose Ausländer“). Die Hilfsorganisation kümmerte sich um 60 000 Flüchtlinge. Außerdem vermittelte Pire Adoptionen für über 15 000 heimatlose Kinder und gründete Heime für ältere Flüchtlinge. Bauliche Spuren hinterließ das Hilfswerk von Pater Pire besonders in den sogenannten Europadörfern. 1956 wurde die erste dieser Wohnsiedlungen für Vertriebene in Aachen eröffnet, sechs weitere folgten bis 1962 in Deutschland, Österreich und Belgien. Unermüdlich reiste Pire durch Europa und sammelte Spenden für seine Werke.

Dabei ging es ihm nicht nur um die materielle Versorgung. Immer wieder wies er auf die „seelische Entwurzelung“ der Flüchtlinge hin. „Diese Entwurzelung bringt das schlimmste Unglück mit sich, das einen Menschen treffen kann – den Verlust des Glaubens an die Möglichkeit der Bruderliebe.“ Nach der Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis widmete sich Pire verstärkt der Friedensarbeit. „Wir haben bereits Kriegsakademien, Militärhochschulen und Institute für Kriegsforschung. Was wir jetzt brauchen, sind Friedensuniversitäten.“

 

„Friedensinseln“

in Konfliktregionen


1960 gründete er in Huy die erste Friedensuniversität, an der sich auch heute noch Wissenschaftler aus aller Welt austauschen. 1962 gründete er zudem die erste „Friedensinsel“ im Osten Pakistans. 1967 folgte eine weitere in Indien. In diesen Dörfern in Konfliktregionen setzte er unter der Maxime „Hilfe zur Selbsthilfe“ Maßstäbe für Entwicklungsarbeit in der Landwirtschaft. „Die Menschen bauen zu wenige Brücken und zu viele Mauern“, war das Motto seiner Suche nach Verständigung unter den Völkern. Am 30. Januar 1969 starb Georges Pire überraschend im Alter von nur 58 Jahren nach Komplikationen einer Operation im belgischen Louvain.